Berlin Insights

„Ich habe noch lange an ihn gedacht“

Laura Gehlhaar (35) ist Autorin und Aktivistin. Seit ihrem 22. Lebensjahr sitzt sie aufgrund einer Muskelerkrankung im Rollstuhl. Ihre ganz persönlichen Bahngeschichten hat sie der S-Bahn Berlin erzählt.

Du bist viel in Deutschland mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Wie schneidet Berlin im Vergleich zu anderen Städten ab, wenn es um barrierefreies Fahren geht?

Laura Gehlhaar: Mehrmals die Woche bin ich mit Bus und Bahn unterwegs, und ich muss sagen: Im Vergleich mit anderen deutschen Städten schneidet Berlin gut ab. Meiner Meinung nach ist die Hauptstadt sogar Vorreiter, wenn es darum geht, noch mehr Barrierefreiheit im Öffentlichen Nahverkehr zu schaffen. Nehmen wir zum Beispiel Düsseldorf, wo ich lange gelebt habe. Dort gibt es noch immer Straßenbahnen mit hohen Stufen. Und es dauert sehr lange, bis Haltestellen barrierefrei umgebaut werden. In München sieht es ähnlich aus. Im Ausland, etwa in London, geht das in der Regel viel schneller.

Was sind die größten Herausforderungen, wenn du in Berlin mit den Öffentlichen unterwegs bist?

Laura Gehlhaar: Ich muss meine Reise genau planen. Wenn ich zum Beispiel zu einem Termin fahren muss, informiere ich mich vorab, an welchen Stationen ich dank Aufzug unproblematisch umsteigen kann. Bevor ich starte, habe ich außerdem immer einen Plan B in der Tasche. Denn ich habe schon oft erlebt, dass Aufzüge kaputt waren. Dann stand ich unten an der S-Bahn-Station und kam nicht weiter.

Was machst du in solchen Situationen?

Dann fahre ich eine Station weiter oder zurück. Mich hat aber auch schon mal die Feuerwehr hochtragen. Solche Situationen versuche ich natürlich zu vermeiden. Dabei hilft mir die App „BrokenLifts“, die rund um die Uhr über Störungen an Aufzügen informiert. (Anm. d. Red.: Diese wird durch einen Datenpool der S-Bahn Berlin befüllt.)

Laura Gehlhaar ist auf funktionierende Fahrstühle angewiesen.
Laura Gehlhaar ist auf funktionierende Fahrstühle angewiesen.

Gibt es Linien, die du eher selten fährst oder nicht fahren kannst?

Laura Gehlhaar: Für mich ist es nicht so einfach, mit der Ringbahn zu fahren. Die älteren Wagen haben eine Stufe zwischen Bahnsteig und Wagon – da kann ich ohne Hilfe des Fahrers nicht einsteigen.

Hast du schon mal Mobilitätshilfen wie den Begleitservice der S-Bahn ausprobiert?

Laura Gehlhaar: Nein, noch nicht. Aber ich glaube, dass solche Hilfen sehr hilfreich sind. So ein Service nimmt zudem den Stress, den eine Fahrt mit dem Öffentlichen Nahverkehr für Menschen mit Behinderung oft bedeutet. Ich finde es super und extrem wichtig, dass jeder – egal welche Behinderung er hat – selbstständig mobil sein kann, weil alles barrierefrei ist. Die Möglichkeiten für unbegrenzte Mobilität haben in den letzten Jahren deutlich zugenommen.

Was könnte die S-Bahn außerdem tun, um Menschen mit Mobilitätseinschränkungen das Reisen zu erleichtern?

Laura Gehlhaar: Ich denke an Leute, die sehbehindert sind. Viele von ihnen orientieren sich sehr stark an Farben. Ihnen würde es helfen, wenn beispielsweise wichtige Markierungen auf Bahnhöfen – etwa an Türen oder am Boden – durch starke Farbkontraste besser zu erkennen wären.

Laura Gehlhaar ist mehrmals die Woche mit der Bahn unterwegs.
Laura Gehlhaar ist mehrmals die Woche mit der Bahn unterwegs.

Und wenn du selbst S-Bahn fährst: Was fällt dir negativ auf? Was ist dein größter Kritikpunkt?

Laura Gehlhaar: Viele Menschen respektieren meine Privatsphäre nicht. Ich werde sehr oft angefasst. Meistens ist das wahrscheinlich nicht böse gemeint. Der eine oder andere will mir vielleicht zeigen, dass er keine Berührungsängste hat. Aber es ist natürlich unangenehm, wenn man plötzlich an der Schulter berührt wird.

Sicherlich ist das vielen Mitfahrerinnen und Mitfahrern nicht bewusst. Wie sollten sie deiner Meinung nach reagieren? Ist es dir lieber, wenn sie dich direkt ansprechen, ob sie dir helfen sollen?

Laura Gehlhaar: Ja, ich finde es immer nett, wenn Leute fragen, ob ich Hilfe brauche. Das ist schöner, als komplett ignoriert zu werden. Solange sie mir auch die Möglichkeit lassen, ihre Hilfe höflich abzulehnen.

Bestimmt hattest du auch schon lustige Begegnungen in der S-Bahn.

Laura Gehlhaar: Na klar! Ich höre beim S-Bahn Fahren meistens Musik. Dabei ist es mir schon passiert, dass ich unbewusst mitgesungen habe. Einmal hat mein Gegenüber das Lied erkannt und meinte: „Ja, das ist echt ein cooler Song.“ Das war witzig, gleichzeitig fühlte ich mich ertappt. Ich flirte auch total gerne in der S-Bahn und habe mich dort schon für ein paar Minuten verliebt. Zwar habe ich denjenigen danach nie wiedergesehen, aber noch lange an ihn gedacht.

Die S-Bahn Berlin im Interview mit Laura Gehlhaar.
Die S-Bahn Berlin im Interview mit Laura Gehlhaar.

Was magst du außerdem am S-Bahn-Fahren?

Laura Gehlhaar: Ich finde es interessant, wie sich das Publikum von Kiez zu Kiez verändert. Wenn man zum Beispiel am Ostkreuz startet Richtung Alexanderplatz, Friedrichstraße und den großen Bogen nach Spandau fährt, dann sieht man besonders deutlich, wie sich die Gruppe der Mitfahrerinnen und Mitfahrer verändert. Von jung bis bisschen gesetzter – und zwischendurch Eltern mit Kindern. Das ist spannend.

Hast du eine Lieblingsstation?

Laura Gehlhaar: Ich finde die Station am Wannsee sehr schön. Nicht unbedingt den Bahnhof an sich, sondern die Umgebung mit den vielen Seen. In der Nähe ist auch der Schlachtensee. Man muss einfach nur in die S-Bahn bei sich um die Ecke steigen – und schon ist man da. Das ist für mich wie ein Kurzurlaub für einen Tag.

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