Geschichte

Der Nordsüd-S-Bahn-Tunnel

Große Ingenieursleistungen in finsteren Zeiten: 1936 wurde der erste Abschnitt des Nordsüd-S-Bahn-Tunnels eröffnet. Seitdem geht es mit der S-Bahn bis zum Brandenburger Tor.

Das heutige Empfangsgebäude des Nordbahnhofs, einst Stettiner Bahnhof, hat die bewegte Geschichte des Nordsüd-S-Bahn-Tunnels nahezu unverändert überdauert.
Das heutige Empfangsgebäude des Nordbahnhofs, einst Stettiner Bahnhof, hat die bewegte Geschichte des Nordsüd-S-Bahn-Tunnels nahezu unverändert überdauert.

Berlin, was hast du dich verändert! Wem schießt dieser Gedanke beim Gang durch die Stadt nicht hin und wieder durch den Kopf? Er trifft auch oft und an vielen Ecken zu – und an anderen dann doch wieder gar nicht.

Der Nordbahnhof zum Beispiel sieht noch fast so aus wie bei der Eröffnung des Nordsüd-S-Bahn-Tunnels 1936. Nur hieß er da noch Stettiner Bahnhof. Bei allem, was er an dramatischer Geschichte erlebt hat, ist es faszinierend, wie gut das Empfangsgebäude sich gehalten hat.  

Zur Eröffnungsfeier des nördlichen Teilabschnitts der Nordsüd-S-Bahn in der Empfangshalle des Stettiner S-Bahnhofs drängten sich draußen Schaulustige. Im Hintergrund der Fernbahnhof.
Zur Eröffnungsfeier des nördlichen Teilabschnitts der Nordsüd-S-Bahn in der Empfangshalle des Stettiner S-Bahnhofs drängten sich draußen Schaulustige. Im Hintergrund der Fernbahnhof.

Vor 90 Jahren wurde möglich, was heute eine Selbstverständlichkeit ist: Aus Pankow, Tegel oder Oranienburg auf Schienen in die Berliner Innenstadt zu gelangen. Denn bis dahin war der Nordbahnhof ein Kopfbahnhof, alle Züge endeten dort. Wer weiter musste – in die Innenstadt oder zum Anschlusszug an einem anderen Bahnhof – konnte sich wahlweise zu Fuß, per Pferdedroschke, Straßenbahn oder in den Dreißigern mit dem Taxi ins Großstadtgetümmel stürzen.

Die eng bebaute Innenstadt mit schmalen Gassen platzte in dieser Zeit der rasanten Urbanisierung aus allen Nähten, die Straßen waren verstopft. Ein S-Bahntunnel sollte die Lösung sein, er konnte die Platzprobleme verringern und die leistungsfähigen Vorortstrecken verbinden.

Im Nordsüd-S-Bahnhof Friedrichstraße hat der Eröffnungszug – ein nagelneuer sogenannter Olympiazug – einen Zwischenhalt eingelegt.
Im Nordsüd-S-Bahnhof Friedrichstraße hat der Eröffnungszug – ein nagelneuer sogenannter Olympiazug – einen Zwischenhalt eingelegt.

Die S-Bahn hatte nach ihrer „Geburtsstunde“ mit Beginn der Elektrifizierung 1924 eine rasante Entwicklung genommen und befand sich in ihrer Blütezeit, sie galt als Sinnbild moderner Mobilität und wurde zu Propagandazwecken instrumentalisiert.

Ab 1933 machte sich der Einfluss der NS-Diktatur bemerkbar. Während das Nazi-Regime unmittelbar nach der Machtergreifung die systematische Unterdrückungs-, Verfolgungs- und Tötungsmaschinerie in Gang setzte, sollten die Olympischen Spiele 1936 in Berlin der Welt ein freundliches und positives Bild vorgaukeln. Zu diesem Ereignis sollte auch der Tunnel fertig sein.

Am 27. Juli 1936 spiegelt sich auf dem Bahnsteig Oranienburger Straße das Licht im Restwasser vom letzten Wischgang unmittelbar vor der Eröffnungsfahrt. Orange ist die Kennfarbe der Station, welche der Reichsbahn-Architekt Richard Brademann ausgewählt hat.
Am 27. Juli 1936 spiegelt sich auf dem Bahnsteig Oranienburger Straße das Licht im Restwasser vom letzten Wischgang unmittelbar vor der Eröffnungsfahrt. Orange ist die Kennfarbe der Station, welche der Reichsbahn-Architekt Richard Brademann ausgewählt hat.

Der Bau stellte die Ingenieure vor enorme Herausforderungen. Neben der Unterquerung von Spree und Gebäuden erschwerten hoher Grundwasserdruck, unterschiedliche Bodenschichten und der märkische Sand die Arbeiten erheblich.

Frisch gewischt präsentiert sich am Eröffnungstag der mit zwei Bahnsteigen großzügig ausgestattete Stettiner S-Bahnhof. Die elektromechanischen Fahrzielanzeiger an der Decke kündigen die nächsten Züge an.
Frisch gewischt präsentiert sich am Eröffnungstag der mit zwei Bahnsteigen großzügig ausgestattete Stettiner S-Bahnhof. Die elektromechanischen Fahrzielanzeiger an der Decke kündigen die nächsten Züge an.

Trotz dieser Schwierigkeiten wurde das Projekt hastig vorangetrieben. 1934 begannen die Arbeiten.

Während der Bauphase wurde der Tunnel um eine zweite Ebene erweitert, die zunächst als Abstellanlage diente und in Zukunft für die Anbindung der neuen Nordsüd-Verbindung S21/City-S-Bahn genutzt wird.

Wenige Monate vor der Eröffnung beim Ausbau der Tunnelstation: Das Loch in der Decke soll bald den Fahrzielanzeiger aufnehmen. Und beim Bahnhofsnamenschild experimentiert der Architekt Fritz Hane noch: weiß auf schwarz wird es werden.
Wenige Monate vor der Eröffnung beim Ausbau der Tunnelstation: Das Loch in der Decke soll bald den Fahrzielanzeiger aufnehmen. Und beim Bahnhofsnamenschild experimentiert der Architekt Fritz Hane noch: weiß auf schwarz wird es werden.

Mehrfache Planänderungen führten jedoch zu Problemen: Am 20. August 1935 stürzte die Abstützung einer Baugrube ein. 23 Arbeiter wurden verschüttet, nur vier von ihnen konnten gerettet werden. Der hohe Zeitdruck im Vorfeld der Olympischen Spiele 1936 hatte seinen Preis gefordert.

Unter großen Anstrengungen gelang es, das Teilstück Humboldthain – Stettiner Bahnhof (heute Nordbahnhof) – Oranienburger StraßeFriedrichstraße – Unter den Linden (heute Brandenburger Tor) am 27. Juli 1936 in Betrieb zu nehmen. Als die südlichen Abschnitte Potsdamer PlatzSchöneberg und Anhalter Bahnhof – Papestraße (heute Südkreuz) eröffnet wurden, hatte bereits der Zweite Weltkrieg begonnen.

Es folgten Zerstörung, Wiederaufbau und die Zeit der „Geisterbahnhöfe“ während der Deutschen Teilung. Nach dem Mauerfall wurden bis 1992 alle geschlossenen Bahnhöfe wiedereröffnet. Heute erfreut sich der Tunnel – wie vor 90 Jahren – großer Beliebtheit und erfüllt nach wie vor seine Aufgabe als Nordsüd-Verbindung mitten durch die Stadt.

Für den Boulevard Unter den Linden gestaltete der Reichsbahn-Architekt Richard Brademann die Treppenzugänge des gleichnamigen Bahnhofs (heute Brandenburger Tor) in schlichter Schönheit. Um die Brüstung eines Zugangs drängt sich neugieriges Publikum.
Für den Boulevard Unter den Linden gestaltete der Reichsbahn-Architekt Richard Brademann die Treppenzugänge des gleichnamigen Bahnhofs (heute Brandenburger Tor) in schlichter Schönheit. Um die Brüstung eines Zugangs drängt sich neugieriges Publikum.
Der Zugang zur heutigen Station Brandenburger Tor führt an den Ort des 1936 eröffneten Bahnhofs Unter den Linden zurück.
Der Zugang zur heutigen Station Brandenburger Tor führt an den Ort des 1936 eröffneten Bahnhofs Unter den Linden zurück.
Damals hieß die Station Unter den Linden, heute Brandenburger Tor – die lindgrüne Kennfarbe ist geblieben.
Damals hieß die Station Unter den Linden, heute Brandenburger Tor – die lindgrüne Kennfarbe ist geblieben.
1934

Baubeginn

Bahnhof Berlin Gesundbrunnen

20.08.1935

Baugrubeneinsturz

19 Arbeiter kommen ums Leben

27.07.1936

Eröffnung

Abschnitt Humboldthain – Unter den Linden  

15.04.1939

Eröffnung

Abschnitt Unter den Linden – Potsdamer Platz

09.10.1939

Eröffnung

Abschnitt Potsdamer Platz – Schöneberg

05.11.1939

Eröffnung

Abschnitt Anhalter Bahnhof – Papestraße

02.05.1945

Zerstörung

Sprengung und Flutung des Tunnels während der Schlacht um Berlin  

15.11.1947

Wiederinbetriebnahme

Nach Instandsetzung des gesamten Tunnels 

13.08.1961

Mauerbau

Alle Ost-Berliner Bahnhöfe außer Friedrichstraße werden für den Verkehr geschlossen.

02.07.1990

Wiedereröffnung

 Oranienburger Straße

01.09.1990

Wiedereröffnung

Nordbahnhof, Unter den Linden

01.03.1992

Wiedereröffnung

Potsdamer Platz und Wiederinbetriebnahme des gesamten Tunnels nach Sanierung  

2015

ZBS

Das moderne Zugbeeinflussungssystem ZBS löst die mechanischen Fahrsperren ab.

Mehr zum Thema gibt es im S-Bahn Museum

Wer mehr erfahren möchte, sollte das Berliner S-Bahn-Museum besuchen. Die Sonderausstellung „Die Nordsüd S-Bahn – Berlins erste Eisenbahn im Untergrund“ widmet sich ausführlich der geschichtsträchtigen Strecke.

  • Die nächsten Öffnungstage sind am Samstag, 15. August, 13–17 Uhr, und am Samstag, 29. August, 11–17 Uhr.
  • Eintritt: 3 €, erm. 1,50 €

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