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Wo sich Bipster die Klinke in die Hand geben

Unsere Reihe "Lesen und lesen lassen" präsentiert das Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum

Die Fassade des Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrums

Was einst so verheißungsvoll über den Toren der sagenumwobenen Bibliothek von Alexandria, der Urgroßmutter aller Universalbibliotheken, gestanden haben soll und heute noch über der Stiftsbibliothek in St. Gallen in güldenen Lettern glänzt, könnte genauso gut über der Zentralbibliothek der Humboldt-Universität (HU) in Berlin Mitte stehen: „Psyche˜s Iatreion – Heilungsort der Seele“.

Im dritten Teil unserer Serie zu den faszinierendsten Plätzen zum Lesen, Forschen und Verweilen dreht sich alles um diese magische Stätte zwischen Heilungsort der Seele und Heimat der sogenannten „Bipster“.

Lese-Hotspot mit preisgekrönter Architektur

Der Tagesspiegel krönte sie zu ihrer Eröffnung im Oktober 2009 zum „architektonischen Höhepunkt des Jahres“ und der Bund Deutscher Architekten vergab überschwänglich gleich drei seiner Auszeichnungen. Darunter einer für „besondere baukünstlerische Leistungen“.

Seither strahlt sie eine geradezu unheimliche Anziehungskraft auf die Menschen aus, denn sie steht –  im besten humboldtschen Sinne – nicht nur den Universitätsangehörigen offen, sondern allen Interessierten. Im Rekordmonat Juli 2010 wurden durchschnittlich etwa 6.700 Besucher:innen pro Tag gezählt. Ein Ausrufezeichen in unserer digital geprägten Zeit, in der Bibliotheken nicht selten grundlegend für die eigene Daseinsberechtigung kämpfen müssen.

Das Jakob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum, so der offizielle Name, hingegen, hat sich in den Jahren seines Bestehens als unverzichtbarer Berliner Bezugspunkt fest etabliert. Entlang des Stadtbahnviadukts zwischen Planckstraße und Geschwister-Scholl-Straße, unweit des Campus der Humboldt Universität, erhebt sich das minimal-klassizistische Meisterwerk des Schweizer Architekten Max Dudler an seinem höchsten Punkt knapp 40 Meter in den Himmel und damit weit über die sonst übliche 22 Meter messende Berliner Traufkante. Die Natursteinfassade aus zartgelbem Juramarmor (ausgewaschen mit einem speziellen Hochdruckverfahren) mit ihrer rasterartigen, hochkantigen Fensterfront erscheint von außen betrachtet fünf Stockwerke zu beherbergen, wobei es tatsächlich nicht weniger als zehn sind. Die Breite der schlitzartigen Fensteröffnungen hängt von den dahinter befindlichen Räumlichkeiten ab: eher schmal bei den Gängen zwischen den Bücherregalen und eher weit für die mehr Tageslicht benötigenden Arbeitsbereiche.

Hier sagt schon die Formensprache: "Psssst!"

Die "hängenden Gärten" im Lesesaal des Grimm-Zentrums

Die klare geometrische Formensprache setzt sich im Inneren fort und die architektonische Grundidee hinter dem Gebäude, die Versöhnung der Gegensätze, ist wohl am besten abzulesen am Hauptlesesaal. Er erinnert nicht von ungefähr an die großen angelsächsischen Bibliothekssäle des 19. Jahrhunderts oder an die Pariser Nationalbibliothek und übersetzt die Vergangenheit  so in unsere moderne Zeit. Zugleich zentral und dezentral nutzbar, bilden die „hängenden Gärten“ des großen Lesesaals, um den die Arbeitsplätze terrassenartig angeordnet sind, das Herzstück der Bibliothek. Alles an diesem Bauwerk strahlt Ruhe aus, einem laut Max Dudler wesentlichen Merkmal der Architektur von Bibliotheken.

Grimm-Zentrum kompakt:

  • Eröffnet: 12. Oktober 2009
  • Kostenpunkt: 75,5 Mio. Euro
  • Nutzer:innen pro Tag (zu Normalzeiten): ca. 5.000
  • Frei zugängliche Medieneinheiten: 2 Mio.
  • Privatbibliothek der Brüder Grimm: ca. 6.000 Bände
  • Fachgebiete: Geistes- Kultur-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaftenund diverse Spezialsammlungen

Modeerscheinung Bipster

Vor dem Grimm-Zentrum

Doch nicht ausschließlich zum Ruhegenießen und Lernen ström(t)en die Leute ins Grimm-Zentrum. Es ist auch ein Ort der Begegnung, des Austauschs und des Sehens und (vor allem) Gesehenwerdens. Keine andere Bibliothek, vielleicht abgesehen von der Kunstbibliothek, wirkt ähnlich anziehend auf hippe Studierende (oder Möchtegernstudierende). Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel veröffentlichte dazu einmal eine sehenswerte „etwas andere Modestrecke“ über die sogenannten „Bipster“, die fashion- und flirtaffinen Bibliotheksbesucher:innen, die sich im Grimm-Zentrum die Klinke in die Hand gaben – und weiterhin geben. Was vielleicht auch mit den nachteulenfreundlichen Öffnungszeiten zu tun hat (unter der Woche bis 24 Uhr, am Wochenende bis 22 Uhr).

„Jede Bibliothek birgt für jeden noch so leidenschaftlichen Leser die furchtbare Melancholie, dass er niemals mehr als einen winzigen Bruchteil des Schrifttums verarbeiten kann“, schrieb  Hartmut Böhme in einem Begleitwort zu einer (eindrucksvoll von Barbara Klemm und Stefan Müller bebilderten) Publikation zum Grimm-Zentrum („Bibliothek“, Berlin Verlag, 2010). Bei über zwei Millionen Freihandmedien und circa 6.000 Bänden aus der Privatbibliothek der Gebrüder Grimm, steht das Grimm-Zentrum ganz oben auf der nach oben offenen Melancholie-Skala der „Heilungsorte der Seele“.

Eine süßlich-geschmeidige Form der Melancholie jedoch, die wohl alle Besuchende von der Forscherin bis zum Bipster gleichermaßen erfasst. Spätestens nach dem Verlassen dieser Ausnahmestätte des Geistes und der Architektur.

Zentralbibliothek der Humboldt-Universität

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