Sicherheit

Mehr als nur ein Schutzengel

Zwei Männer retteten einem ins Gleisbett gefallenen Mann das Leben.

v. l. n. r.: Polizeidirektor Andreas Knüppel, Leiter des Abschnitts 35 der Berliner Polizei, Fahid Al Hamuie, Evan Ghazi und Peter Buchner, Vorsitzender der S-Bahn-Geschäftsführung
v. l. n. r.: Polizeidirektor Andreas Knüppel, Leiter des Abschnitts 35 der Berliner Polizei, Fahid Al Hamuie, Evan Ghazi und Peter Buchner, Vorsitzender der S-Bahn-Geschäftsführung

Dank des beherzten Einsatzes zweier junger Männer ging am Morgen des 25. Oktober ein Unfall auf dem S-Bahnhof Adlershof glimpflich aus. Nachdem ein 44-jähriger Mann gegen 8.40 Uhr wegen eines Schwindelanfalls ins Gleis stürzte, retteten zwei aus Syrien und dem Irak stammende Männer den Verunfallten, obwohl bereits die S-Bahn der Linie S46 aus Königs Wusterhausen in den Bahnhof einfuhr. Für ihre selbstlose Hilfe bedankten sich nun die Bundespolizei und die S-Bahn Berlin, sagten aber deutlich, dass es im Falle einer Notsituation Möglichkeiten der Hilfe gibt, ohne dabei selbst in Lebensgefahr zu geraten.

Man merkt, der Schock sitzt noch tief bei dem aus Irak stammenden Evan Ghazi: „Ich bin immer noch aufgewühlt, und habe Gefühle, die ich nicht in Worte fassen kann“, beginnt er zu erzählen. „Es war Freitagmorgen, als ich mit Fahid am S-Bahnhof Adlershof ankam, um zur Arbeit zu fahren“, sagt er stockend. „Da hörten wir auf einmal ein dumpfes Geräusch an den Gleisen und entsetzte Schreie vom Bahnsteig“, erinnert sich der 25-Jährige. Ein Mann war ins Gleis gestürzt und bewegte sich nicht.

Lebensrettende Kurzschlussreaktion

Kurzerhand sprang Ghazi ins Gleis: „Ich habe nicht viel nachgedacht, ob es gefährlich sei oder ob mein Leben auf dem Spiel steht. Ich habe nur intuitiv gewusst, dass ich helfen muss.“ Der Mann war bewusstlos und sehr schwer. Da sprang auch Fahid Al Hamuie hinterher und half, den Mann in die Notbucht zu bewegen. „Die Lücke war zu schmal, um vor dem einfahrenden Zug nebeneinander Schutz zu finden“, sagt Ghazi. „So lagen wir unter dem Bahnsteig verteilt, drückten uns gegen die Wand und schlossen die Augen – immer mit dem Gedanken: Wir schaffen das nicht“, erinnert er sich.

Die S-Bahn kam trotz eingeleiteter Schnellbremsung erst hinter den Männern zum Stehen. Sie hat aufgrund ihrer rund 240 Tonnen Gewicht einen langen Bremsweg. Doch den Dreien passierte glücklicherweise nichts. Der Berliner kam lediglich mit einem durch den Sturz verursachten Nasenbruch davon und wurde ins Krankenhaus gebracht. Die beiden Lebensretter blieben unverletzt.

In meinen zwölf Jahren bei der S-Bahn ist das einmalig, und ich bin sehr beeindruckt von ihrem Mut und Ihrer Selbstbeherrschung.

Peter Buchner Vorsitzender der S-Bahn-Geschäftsführung

Große Erleichterung gab es nicht nur bei den beiden Lebensrettern, sondern auch bei den auf dem Bahnsteig stehenden Fahrgästen. Auch die Kollegen der Berliner Polizei atmeten auf. Die Erstmeldung „Drei Personen unter Zug“, verhieß schließlich nichts Gutes. „Wir wussten, meist sind die Menschen, die unmittelbar vor einem einfahrenden Zug ins Gleis fallen, schwer verletzt oder tot“, sagt Oberkommissar Alexander Rogge. Er war mit seinem Kollegen, Polizeikommissar Patrice Leistner, als erster am Unfallort. Umso erleichterter waren sie, als alle drei Männer plötzlich aus der Notbucht herauskamen.

„Das war wirklich riesengroßes Glück.“

Um sich bei den beiden mutigen Männern, die vor fünf Jahren als Flüchtlinge nach Deutschland kamen, zu bedanken, fand am 3. November eine Dankesfeier bei der Bundespolizei in der Andreasstraße 10 statt. Mit dabei: Polizeidirektor Andreas Knüppel, Leiter des Abschnitts 35, Melanie Mekelburg, Polizeioberrätin der Bundespolizeiinspektion Berlin Ostbahnhof und stellvertretende Inspektionsleiterin, die kurz nach dem Unfall tätigen Bundespolizisten sowie Peter Buchner, Vorsitzender der S-Bahn-Geschäftsführung, und Jörk Pruss, Leiter Securitymanagement. „Wir bedanken uns sehr herzlich für ihren selbstlosen Einsatz“, erklärte Melanie Mekelburg. „Sie hatten mehr als nur einen Schutzengel“, fügte sie hinzu. Polizeidirektor Knüppel sprach über den Mut der Beiden, „angesichts einer einfahrenden S-Bahn ins Gleis zu springen, um einem anderen Menschen zu helfen“ und dankte ihnen.

Peter Buchner brachte es auf den Punkt: „In meinen zwölf Jahren bei der S-Bahn ist das einmalig, und ich bin sehr beeindruckt von ihrem Mut und Ihrer Selbstbeherrschung. Diesmal ging es gut, aber das war wirklich riesengroßes Glück.“

Mutig, aber auch unglaublich gefährlich

Security-Manager Pruss machte deutlich, dass sich niemand selbst in Gefahr bringen soll, auch wenn es in diesem Fall ein Leben rettete. „Ich appelliere an alle, sich anders zu verhalten, wenn es zu einer solchen Situation kommen sollte“, sagte er. Die beste Möglichkeit zu reagieren sei: „Auf dem Bahnsteig dem einfahrenden Zug entgegenlaufen und auf sich aufmerksam machen, sodass der Triebfahrzeugführer früher reagieren und bremsen kann. Gleichzeitig ist der Notruf der Polizei (110) zu alarmieren, denn hier besteht am schnellsten ein Kontakt zur Betriebszentralle, um den Bahnbetrieb anzuhalten.“

Peter Buchner überreichte den beiden Lebensrettern je einen Reisegutschein im Wert von 500 Euro. Die Bundespolizei übergab eine Präsenttasche mit vielen nützlichen Utensilien für den Alltag an die beiden jungen Männer.

Das könnte Sie auch interessieren

Sicherheit | Aktuelles

Ab sofort 3G-Regelung im ÖPNV!

Seit 24. November (Mi) gilt zusätzlich die 3G-Regel auch in Zügen und Bussen.

Aktualisiert
Sicherheit

Eine S-Bahn wegschieben? Keine gute Idee!

Bei regelmäßigen Schulungen lernen Feuerwehrleute die S-Bahnbaureihen kennen.

Sicherheit

Impfzug Nummer zwei fuhr auf der Stadtbahn

Ein wertvoller Beitrag zur bundesweiten Corona-Impfaktionswoche