Sitt und satt in der S-Bahn
Im ICE ist es gang und gäbe, sich ein Hefeweizen samt Käse-Schinken-Sandwich zu gönnen, der „Knödelexpress“ der Tschechischen Eisenbahnen war nicht nur unter Zugfans Kult. Jetzt zieht die S-Bahn Berlin mit einem gastronomischen Angebot nach.
April, April!
Das war natürlich nur ein kleiner Scherz von uns. Und viele sind dem direkt auf die Schliche gekommen. Wir haben einfach kluge Fahrgäste und so schnell wie die Zeit vergeht, ist der nächste 1. April auch nicht mehr weit.

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- Jens Wiesner

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Sprach S-Bahn-Pressesprecherin Mentira Münchehaus und biss vor versammeltem Pressetross auf dem S-Bahnhof Oranienburg erst einmal genüsslich in eine Bulette. Den ersten Speisewagen auf der S1 persönlich einzuweihen, das wollte sich die langjährige S-Bahnerin am heutigen 1. April dann doch nicht nehmen lassen.
„So wie die Austern aus dem KDW bis hin zu den Kreuzberger Dönern zu Berlin gehören, soll auch unsere Tageskarte ständig wechseln. Für alle wird etwas dabei sein. In diesem speziellen Wagen können unsere Fahrgäste ihren Gaumen verwöhnen. Da ein grundsätzliches Verbot für Verzehr von Lebensmitteln in der S-Bahn sonst bestehen bleibt, ist dies eine köstliche Lösung.
Auf diesem Wege bleiben andere Fahrgäste weiter vom Geruch des warmen Dönerfleischs und der Tupperdosen-Eier verschont, ebenso wie von den Verschmutzungen, die damit einhergehen können.“, so Münchehaus.
Mit den Zugrestaurants habe man sich für einen radikalen Strategiewechsel entschieden. „Nun darf geschlemmt werden – allerdings nur in diesem einen Wagen!“
Erst einmal als Pilotprojekt
Jeden S-Bahnzug mit einem Zugrestaurant auszustatten, sei aktuell natürlich utopisch. Deshalb umfasse das Pilotprojekt zunächst 12 Wageneinheiten: „Ab 15. April fährt pro Tag je ein S-Bahnzug auf der S1, S2, S25, S3, S41, S42, S46, S5, S7, S8, S85 und S9 mit Restaurantwagen.”
Auf kritische Fragen, dass es bereits jetzt zu Stoßzeiten sehr voll in den Zügen werden könne, reagierte Münchehaus gelassen. „Hatten wir auf dem Schirm und setzen daher zusätzliche Wagen ein.“ Diese würden stets mittig hinzu gekoppelt, um von beiden Seiten einen leichten Zugang zu gewähren.
Die Umsetzung als zweigleisiges Konzept

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Aber woher stammt plötzlich das Wagenmaterial? Da funkelt es verschwörerisch in Münchehaus‘ Augen. „Wir fahren ein zweigleisiges Konzept. Von den Tschechischen Eisenbahnen konnten wir sechs der im vergangenen Jahr ausrangierten „Knödelexpress“-Wagen gewinnen und mit seitlichen Stromabnehmern und modernem ZBS ausstatten, damit diese im Berliner S-Bahn eingesetzt werden dürfen. In diesen Wagen werde übrigens auch weiterhin live gekocht. „Statt tschechischer Knödel nun eben Klöße nach Brandenburger Art“, so Münchehaus. Sonst bleibe alles beim Alten.
Sechs weitere Restaurantwagen seien heimlich, still und leise in den vergangenen zwei Jahren aus Wagen der ausrangierten DDR-Baureihe 485 im Werk Schöneweide aufgebaut worden. „Eine kleine Überraschung für unsere Fans, auch wenn wir den Fahrgastraum intensiv entkernen und umbauen mussten.“ Designtechnisch habe man sich für eine komplementäre Melange aus dem Knallrot der Ledersitze des ICE3-Bordrestaurants und dem klassischen S-Bahngrün entschieden. „Und natürlich wird in der ‚Cola-Dose‘ auch Cola serviert“, lacht Münchehaus, „Aber eben auch Rixdorfer Fassbrause und Mampe.“
Das kulinarische Angebot im Zug
Beim gastronomischen Angebot habe man nämlich bewusst auf lokale brandenburgische Küche und berlintypische Spezialitäten setzen wollen. „Selbstverständlich kennen wir die Vorlieben unserer Fahrgäste und übernehmen daher auch einige Klassiker aus dem Repertoire der ICE-Bordgastronomie“, ergänzt Münchehaus. „Ein frisch gezapftes Hefeweizen, das Käse-Schinken-Sandwich und die Currywurst – klassisch und in veganer Variante – das darf auch bei der Berliner S-Bahn nicht fehlen!“
Aber wie hält man im Konzern mit mitgebrachten Speisen und Getränken? „Zugegeben, darüber wurde lange diskutiert, aber wir haben eine kleine Stehimbissecke für Selbstmitbringer eingerichtet.“ Die Sitzplätze blieben aber den zahlenden Zugrestaurant-Gästen vorbehalten. „Davon profitieren am Ende alle – und in den restlichen Wagen riecht es nicht mehr nach Döner und Ei.“