Soziales Engagement

Warum der Kältebus so wichtig ist

Der Kältebus ist bis Ende März jede Nacht unterwegs, um Obdachlosen zu helfen.

In Berlin sind mehrere Busse noch bis zum 31. März 2026 täglich im Einsatz, um obdachlose Menschen in der kalten Jahreszeit zu unterstützen. Bitte immer vorher fragen, ob die Person Hilfe möchte.

Der Kältebus der Berliner Stadtmission, von dem wir hier berichten, ist von 20 bis 2 Uhr unter ☏ 030 690333690 erreichbar.

Der DRK-Wärmebus ist von 18 bis 24 Uhr unter ☏ 030 6003001010 erreichbar.

Andreas Splawski und Anna-Lena Czech helfen dem Obdachlosen Giwan beim Einsteigen.
Andreas Splawski und Anna-Lena Czech helfen dem Obdachlosen Giwan beim Einsteigen.

Ein paar Taschen über der Schulter – das ist alles, was Yvonne besitzt. Sie ist obdachlos und steht im zugigen Eingangsbereich des U-Bahnhofs Südstern. Man sieht ihr an, dass sie furchtbar friert. Ihre Hände zittern, als sie sich eine Zigarette anzündet – und ihr ist die Erleichterung anzusehen, als der blaue Bus mit der weißen Aufschrift „Kältehilfe“ eintrifft. Wenige Kilometer weiter hatten Anwohner die Kältehilfe gerufen, weil ein Obdachloser, er heißt Giwan und kommt aus Rumänien, im Untergeschoss eines Treppenhauses schläft.

Andreas Splawski und Anna-Lena Czech holen Yvonne vom U-Bahnhof Südstern ab.
Andreas Splawski und Anna-Lena Czech holen Yvonne vom U-Bahnhof Südstern ab.

So beginnt eine Nacht für die ehrenamtlichen Helfer:innen der Berliner Stadtmission: Mit einer Liste von wohnungslosen Personen, die Hilfe benötigen. Um 18 Uhr startete die Schicht für Anna-Lena Czech und Andreas Splawski. Die 23-Jährige hatte die Kältehilfe im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres bei der Berliner Stadtmission kennengelernt und hilft nun regelmäßig während ihres Studiums ehrenamtlich im Kältebus. Sie sieht hin, wenn andere wegschauen, kümmert sich um diejenigen, die andere absichtlich übersehen.

Sichere Schlafplätze werden angefahren

Auch Andreas Splawski, Betriebsratsvorsitzender bei der S-Bahn Berlin, hilft seit Jahren ehrenamtlich bei der Berliner Stadtmission – so auch in dieser kalten Winternacht. Die Beiden bieten den auf der Straße lebenden Menschen Schlafsäcke, heißen Tee oder Suppe an. Auf Wunsch der Obdachlosen fahren sie sie auch zu einem sicheren Übernachtungsplatz. Davon gibt es bei der Stadtmission knapp 300 an drei verschiedenen Standorten.

Mit dem Kältebus und der Kälte-Notübernachtung will die Berliner Stadtmission Kältetote in Berlin verhindern.
Barbara Breuer Pressesprecherin der Berliner Stadtmission

Die Kältebusse gibt es seit drei Jahrzehnten: Trauriger Anlass war der Erfrierungstod eines Obdachlosen. Der Kältebus ist in diesem Winter noch bis zum 31. März unterwegs, und viele Obdachlose verdanken ihm ihr Überleben.

Ankunft in der Notübernachtung
Ankunft in der Notübernachtung

Jede Nacht erreichen die Stadtmission rund 120 Anrufe – Meldungen zu hilflosen Obdachlosen. Sie kommen meist von Passanten oder Anwohnern, die die Nummer des Kältebusses gewählt haben.

Die Meldungen erscheinen dann als Aufträge auf dem Tablet-PC im Fahrzeug, und wir arbeiten sie dann nach und nach ab. So haben wir auch von Yvonne am Südstern erfahren.
Andreas Splawski Betriebsratsvorsitzender bei der S-Bahn Berlin und ehrenamtlich bei der Berliner Stadtmission tätig

„So haben wir auch von Yvonne am Südstern erfahren“, sagt Splawski. Er nimmt ihr kurz die Taschen ab und bittet sie, in den Bus zu steigen. Wenig später setzt sich auch Giwan auf die Rückbank. Der 60-jährige Rumäne lebt seit Jahren auf Berlins Straßen. „Ich habe auf dem Bau gearbeitet und auf der Straße geschlafen, doch dann bin ich krank geworden“, erinnert er sich.

Zurück nach Rumänien will er nicht. Vor sechs Jahren seien seine Eltern und seine Ehefrau bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Ein Schicksalsschlag, den er bis heute nicht verarbeitet hat. „Ich habe in Rumänien niemanden mehr. Warum sollte ich dorthin zurückkehren?“ beschreibt er während der Fahrt seine traurige Lage.

Yvonne trägt sich bei der Notübernachtung in die Anmeldeliste ein.
Yvonne trägt sich bei der Notübernachtung in die Anmeldeliste ein.

Die Fahrt führt in Richtung Norden, zur Notübernachtung in Moabit. Um die Stimmung zu heben, bietet Anna-Lena an, Wunschmusik zu spielen. Und so ertönt schon bald eines der Lieblingslieder von Yvonne: „I just called to say I love you“ von Stevie Wonder. Sie schließt die Augen, wippt mit dem Fuß und singt leise mit. Und dann setzt auch Giwan mit ein. Ein herzerwärmender Moment, an dem die Sorgen kurz vergessen sind.

Ein Schlafsack für einen wohnungslosen jungen Mann, der in kurzen Hosen bei Minustemperaturen friert.
Ein Schlafsack für einen wohnungslosen jungen Mann, der in kurzen Hosen bei Minustemperaturen friert.

Es ist der Solidarität der Berlinerinnen und Berliner zu verdanken, dass der Kältebus überhaupt noch fährt: Unbekannte hatten Ende Dezember einen Kältebus angezündet. Das Fahrzeug brannte komplett aus, und das Feuer beschädigte auch einen weiteren Kältebus. Ein zweiter Brandanschlag folgte am Neujahrstag.

Doch so schockierend die Brandanschläge auch waren, so groß waren Anteilnahme und Hilfsbereitschaft: Die Stiftung der Deutschen Bahn spendete 70.000 Euro für ein neues Fahrzeug, und die Gebewo lieh der Stadtmission einen Bus. Auch andere Träger und Firmen haben angeboten zu helfen, und viele Menschen spendeten und spenden bis heute. 

S-Bahn-Azubis und S-Bahner:innen hatten bereits kurz vor den Anschlägen einen Scheck in Höhe von 4.999 Euro an die Berliner Stadtmission übergeben. Das Geld kam zusammen, nachdem sie in Eigenarbeit upgecycelte Sitze und ausgemusterte Teile der Baureihe 485 an S-Bahnfans verkauft hatten.

Jede*r kann helfen

Spenden für die Beschaffung bzw. Ausstattung eines neuen Kältebusses sind weiterhin willkommen und auch direkt online möglich: Verein für Berliner Stadtmission - IBAN DE67 3702 0500 0003 1555 00

Die Solidarität der Menschen ist überwältigend für uns. So konnten wir die Kältebusfahrten ohne Unterbrechung fortsetzen.
Barbara Breuer Pressesprecherin der Berliner Stadtmission

Rund 7.000 Obdachlose, so schätzt man, gibt es in Berlin. Für sie können die niedrigen Temperaturen gefährlich werden. „Umso wichtiger, dass wir weiterhin unterwegs sind – wenn auch nur mit Ersatzbussen“, sagt Splawski.

Er und Anna-Lena setzen Yvonne und Giwan in einer Notübernachtung ab, und schon geht es weiter – zu Florian, der nahe des Hauptbahnhofs unter der Bahnbrücke auf einer Matratze liegt. Auch er wird zu einer Notübernachtung gebracht. Und dann ist es auch schon 1 Uhr – Schichtende für die beiden Helfer:innen.

Weitere Kältehilfe-Angebote

Neben dem Kältebus bietet die Berliner Stadtmission noch viele weitere Möglichkeiten, bei extrem niedrigen Temperaturen zu helfen:

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